Rock Creek, Kanada (16. Juni bis 22. August 2011)

Mein zweiwöchiger Besuch in der Schweiz war mehr als gut „ausgebucht“. Diverse Termine mit Familie, Freunden und das Erledigen einiger Pendenzen liessen die Zeit wie im Fluge vergehen. Es war schön nach über einem Jahr unsere Familien, Freunde und Bekannte zu besuchen. Erstaunt war ich über meine Gefühle zur Schweiz, nach dem ich so viel von der grossen Welt gesehen habe.

 

 

Die Schweiz kam mir so eng, stressig, lärmig und überbevölkert vor. Am Anfang war dieses Gefühl gegenüber der Heimat sehr irritierend. Doch nach einer Woche anklimatisieren kam ich zum Fazit: Heimat bleibt eben Heimat und die Schweiz ist wunderschön. Glücklicherweise konnte ich mich während diesen zwei Wochen bei Hilda & Hermann (Freundin meines Vater) in Root einquartieren und den Luxus eines eigenen Zimmers, eines vollen Kühlschrankes, zwei Autos zur freien Verfügung und „Service à la Mama“ geniessen. Jolanda fehlte mir! Nach einer so intensiven gemeinsamen Zeit war es ein schönes Gefühl sie zu vermissen. Per Skype hielten wir Kontakt und meine Einkaufsliste für Schokolade wurde nachhaltig von ihr beeinflusst :-). Am 29. Juni hiess es dann erneut Abschied nehmen und ich flog via London und Vancouver nach Kelowna. Meine 4 kg Übergewicht kosteten mich bescheidene CHF 150.00. In Vancouver kam ich bereits mit Verspätung an und da es keine separate Abfertigung für Gäste mit Anschlussflügen innerhalb der nächsten 60 Minuten gab, musste ich mit der grossen Masse auf die Passkontrolle warten und konnte zusehen, wie mir die Zeit für den Flug nach Kelowna davonfloss. Ein Paar wenige Minuten haben gefehlt und es reichte nicht mehr. Ich wurde auf Standby gesetzt und zur Sicherheit auf einen Abendflug fix gebucht. Kurze Info an Jolanda, Debbie & Lanny, die bereits zum Shopping in Kelowna waren und danach blieben mir einige Stunden um mir die Zeit am Flughafen mit Schlafen und Lesen zu vertreiben. Schlussendlich sass ich dann in dem vorsorglich gebuchten Flug...

Das schweizerisch-kanadische Empfangskomitee begrüsste mich in Kelowna mit einem bereits fast vollen Kleinwagen, aber auch meine zwei Rucksäcke und ich fanden noch Platz für die Fahrt nach Rock Creek. Dort warteten die beiden Rehe Parker & Peanut auf mich. Sie haben sie nur wenige Tage alt verlassen von ihrer Muttter an der Zufahrtsstrasse zu ihrem Grundstück gefunden. Parker war bereits sehr schwach und mit Ziegenmilch päppelten sie die beiden mit täglich 6 Fütterungen wieder auf. Ohne die Hilfe von Debbie & Lanny wären sie mit Sicherheit gestorben oder von den nachts herumstreunenden Kojoten aufgefressen worden. Ein Blick genügt und man schliesst diese kleinen Wesen in sein Herz. Es war ein schönes Gefühl, wieder bei guten Freunden zu Hause zu sein. Wie bereits bei unserem ersten Besuch vor einem Jahr stand uns ein Schlaf- und ein Badezimmer zur Verfügung, was für ein Luxus! Noch etwas begrüsste mich in Kanada: der Heuschnupfen. 12 Monaten absolute Beschwerdefreiheit und nun das volle Programm. Es blühte alles was blühen kann: Bäume, Gräser und Blumen. Eine Woche verging und nach unzähligen Nasenspülungen (Reinigungslösung ins eine Nasenloch und beim anderen wieder raus – ein angenehmes Gefühl...) normalisierte sich die Lage wieder. Zudem stand der erste Grasschnitt des Jahres an. Jolanda übte sich im Fahren des 14-Tonnen-Lastwagens während Lanny mit dem Traktor die Heuballen auflud. Auch vom Traktorfahren machte Jolanda keinen Halt und befreite das frisch gemähte Feld von den Heuresten, eben eine echte Farmersfrau :-).

Debbie & Jolanda haben einige Namensschilder für Wegstellen auf ihrem riesigen Grundstück (2.5 Mio. m2) gemalt, die sie an spezielle Ereignisse erinnern sollen. Sie tragen Namen wie „Raddle Snake Corner“, „Bear Tree“ oder „Bull & Pussy Pond“. Mit männlicher Unterstützung und einer Bohrmaschine bewaffnet fuhren wir in die Berge um die Schilder zu montieren. Am 1. Juli feierte Kanada seinen Nationalfeiertag. Wir besuchten die Parade in der Stadt Osooyos, stellten unsere Campingstühle am Strassenrand auf und genossen den Canada Day. Am 4. Juli wartete bereits der Nationalfeiertag der USA auf uns. Zu viert unternahmen wir einen Ausflug nach Chesaw (USA) wo alljährlich ein Rodeo stattfindet. Nein, wir haben uns nicht auf wilde Pferde und Stiere gesetzt sondern auf die sichere Tribüne... Nach so vielen Ausflügen wartete genügend Arbeit auf uns beim Landschaftsbau. Jeder Tag begann mit der Verschiebung der Bewässerungsanlage für die Felder. Lanny hatte bereits im Frühling grosse Arbeit geleistet und einen Grossteil der Umgebung mit schönen Steinblockmauern gestaltet. Aber uns blieb noch genügend Arbeit für mehrere Wochen. Gemeinsam erstellten wir weitere Mauern aus den 32 kg schweren Steinblöcken, füllten grosse Bereiche mit neuem Erdreich auf und säten neues Gras an. Harte Arbeit für alteingesessene Bürogummis. Tag für Tag nahm die Umgestaltung Form an und die schweisstreibende Arbeit bei 35 Grad Aussentemperatur hat sich gelohnt. Das sehr warme Klima hatte zur Konsequenz, dass wir nun den frisch angesäten Rasen intensiv bewässern mussten um nicht einen Trockenrasen zu produzieren. Trotz viel Arbeit blieb aber genügend Zeit für kleinere Ausflüge. Ein Männerausflug gab es mit dem Kanu auf dem Kettle River und zu viert besuchten wir den Conkle Lake Provincial Park. Auf einem langen Spaziergang fand Lanny einen passenden Haarersatz für seine langsam aber sicher ausgehenden Haare. Naja, ohne Haarersatz sieht er irgendwie doch besser aus. Wenn wir schon bei den Haaren sind: Jolanda & ich benötigten einen Haarschnitt. Bevor Lanny (man glaubt es kaum) seine Karriere als Feuerwehrmann, Forstwirt und Landschaftsgärtner startete, machte er eine Ausbildung zum Coiffeur. Keine Frage, Lanny schritt zur Tat und verpasste uns beiden einen anständigen Look. So konnten wir uns auch wieder in der Öffentlichkeit zeigen. Als Dank für unseren Arbeitseinsatz erhielten wir von Debbie & Lanny ein grosszügiges Sackgeld, welches wir bei den Shoppingausflügen nach Kelowna investierten. Dabei besuchten wir auch Debbies Eltern in Penticton, welche wir letztes Jahr in Mazatlan (Mexico) besucht haben.

Auch die Damen hatten ihre Frauenausflüge: Mit Schlauchbooten liessen sie sich den Kettle River hinuntertreiben und bei einem dreitägigen Ausflug nach Spokane (USA) machten sie die Läden unsicher. Dabei kaufte Jolanda für uns auch elektronische Bücher (www.kindle.com) nach dem Motto: Weniger Papier, mehr Bäume! Die Männer liessen sich während dessen nicht von der Arbeit abhalten und haben den Vorplatz des Hauses mit zwei neuen Abschlussmauern verschönert. Auch der kleinen Kuhherde statteten wir regelmässigen Besuch ab. Letztes Jahr haben wir ein Neugeborenes nach einem Namen unserer Wahl benennen können. Aus einem kleinen Kalb wurde inzwischen ein sehr grosses Rind. Zum Knuddeln reicht es nicht mehr, aber schön zu sehen, dass es Wallaby sehr gut geht. Wir sind aber nicht nur zum Füttern der Kühe mit Äpfeln in die Berge gefahren. Lanny packte noch ein 22 mm Gewehr ein und wollte mit uns ein Schiesstraining absolvieren. Äpfel eigenen sich dafür sehr gut als Ziel, da man einen Treffer an den Spritzern sieht. Ein Baumstumpf dekoriert mit unzähligen Äpfeln diente als Zielscheibe. Machte echt Spass ein bisschen wilden Westen zu spielen. Bereits stand der zweite Grasschnitt und Heuen auf dem Programm. Da mein Heuschnupfen wieder abgeklungen war, wagte ich mich zuerst mit dem Lastwagen und anschliessend mit dem Traktor und Heuwender hinaus auf das Feld. Vom 1. – 10. August 2011 hatten wir Besuch von Debbies Tochter Karen zusammen mit Töchterchen Diaz und Ehemann Daniel. Sie haben den Schritt gewagt von Kanada nach Südfrankreich auszuwandern und verbringen die letzten Tage in der alten Heimat in Rock Creek. Mit 7 Personen herrschte ein richtiger Grossfamilienbetrieb. Diaz mit ihren 18 Monaten hat es selbstverständlich immer geschafft im absoluten Mittelpunkt zu stehen. Der Abschied viel uns nach so viel vertrauter und familiärer Atmosphäre nicht leicht. Liebe Diaz, Karen & Daniel: Wir wünschen euch viel Glück und Erfolg in der neuen Heimat!

Während meines Besuchs in der Schweiz hat sich Jolanda viele Gedanken über unsere gemeinsame Zukunft und ihre Gefühle gegenüber mir gemacht. Bereits bei meiner Ankunft in Kanada konnte ich eine gewisse Distanziertheit bemerken und wenige Tage danach hat mir Jolanda ihre Zweifel an unserer Liebe gestanden. Da wir beide unsicher waren über die gemeinsame Zukunft haben wir uns entschieden, einige Wochen getrennt voneinander zu verbringen, damit beide etwas Luft zum Nachdenken erhalten. Da ich bereits zu Besuch in der Schweiz war und Lanny meine Hilfe noch weiter gut gebrauchen konnte, entschieden wir uns, dass Jolanda für einen Besuch von Familie & Freunde in die Schweiz fliegt. Am 5. August 2011 flog Jolanda zurück in die Schweiz.

Nach dem Jolanda bereits erfolgreich den Rasen mit dem Rasentraktor gemäht hatte, wollte ich meine Mähkünste ebenfalls ausprobieren. Leider mit durchzogenem Erfolg. Alles hat damit angefangen, dass Mann sich bei Sonne ein bisschen bräunen wollte und sein T-Shirt auszog und auf den Traktorsitz legte und weiterhin rumkurvte wie ein kleiner Michael Schumacher. Plötzlich veränderte sich das Geräusch des Rasenmähers zu einem quälenden Murren und dann gab er den Geist auf. Nein, ich habe keine Gartenschläuche vergessen wegzuräumen. 1. Verdacht: Kleidungsstück „Socke“ von der Wäscheleine. Wir schleppten die Kiste auf den Vorplatz, bockten sie mit dem Wagenheber auf und stellten fest: Mein T-Shirt hat sich um das Messer gewickelt. Wir mussten das Messer abmontieren um an das T-Shirt zu kommen. Rasentraktor geflickt, T-Shirt neu mit intensiver Belüftung, was eine Anprobe bestätigte. Bin wohl bei der Rasenmäherprüfung durchgefallen... Ich suchte mir ein anderes Betätigungsfeld. Lanny wollte wie letztes Jahr frische Lachse im Dorf verkaufen und bekam kurzfristig einen Anruf, dass Lachse zum Abholen bereit sind. Mit dem grossen Pickup-Truck und unzähligen Kühlboxen machten wir uns auf den vierstündigen Weg nach Hope am Fraser River. Dort luden wir 177 Lachse in die Kühlboxen und düsten durch die Nacht zurück nach Rock Creek. Die Abholung war nur die eine Arbeit, die Fische wollten ja auch noch verkauft werden. Nach vielen Telefonaten und dem Besuch des Bauernmarktes in Rock Creek waren wir um ca. 140 Lachse ärmer und um einiges Bargeld reicher. Debbie räucherte noch einige Fische und verkaufte diese ebenfalls erfolgreich am Bauernmarkt. Selbstverständlich blieb genügend Lachs für uns zum Schlemmen.

Am 17. August 2011 erreichten mich ganz schlechte Nachrichten von Jolanda. In meinem persönlichen Geschichtsbuch wird dieser Tag als der „schwarze Mittwoch“ meines Lebens Einzug halten. Nach 433 gemeinsamen Reisetagen (mehr als 14 Monate) und 11 Jahren gemeinsamen Lebensweges gibt es für uns keine gemeinsame Zukunft mehr. Für mich bricht eine Welt zusammen und noch am gleichen Tag buche ich einen Flug für den 22. August 2011 zurück in die Schweiz. Die letzten Tage in Kanada vergehen nur schleppend, schlaflose Nächte und Appetitlosigkeit halten Einzug und meine Gedanken sind ununterbrochen bei Jolanda. Am Freitag überraschen mich Debbie & Lanny mit einem Abschiedsgeschenk: Sie haben bei ihrem Nachbarn mit Flugschein und Flugzeug einen Rundflug mit einer Cessna über das Okanagan Valley gebucht. Zu viert fliegen wir 1 ½ Stunden über ihr Grundstück, die riesigen Weinanbaugebiete und den Okanagan Lake. Leider will aber nicht so richtig Freude aufkommen und ich kämpfe mit meinen Gefühlen. Am Sonntagmorgen helfe ich beim Aufbau des Fahrzeugunterstandes und am Nachmittag wollen sie mich mit einer Weintour zusammen mit ihrer Kollegin Sunny ablenken, was aber nur mässig gelingt. Am Abend kommt noch kurz Evelyne & Norm, die Mutter von Lanny und ihr Freund, zu Besuch um sich von mir zu verabschieden. An meinem letzten Morgen stehe ich um 5 Uhr auf und beobachte den Tagesanbruch. Lanny gesellt sich zu mir und kurz darauf erscheint ein Hirsch, der mit Parker & Peanut zu spielen anfängt. Vielleicht werden die beiden sich im Winter oder spätestens im Frühling einer Herde anschliessen. Ein letztes Mal gebe ich den beiden die Milchflasche und umarme sie zum Abschied. Ich besuche noch kurz Jenny um mich von ihr zu verabschieden. Jolanda hatte bei ihr während den letzten Wochen die Gelegenheit zu reiten. Ein letztes Mal laufe ich durch und um das Haus. Der Abschied fällt mir sehr schwer. Dieses Haus, Rock Creek und Kanada wurden für mich zu einer zweiten Heimat und Debbie & Lanny nicht nur zu guten Freuden, sondern zu so etwas wie zweite Eltern. Die Fahrt an den Flughafen von Kelowna vergeht in einer bedrückenden Stille und beim Abschied fliessen viele Tränen. Vielleicht werden sie im Frühling 2012 ihre Verwandten in Südfrankreich besuchen und dabei einen Abstecher in die Schweiz machen. Wir freuen uns jetzt schon auf ein Wiedersehen! Liebe Debbie & Lanny, herzlichen Dank für euer Vertrauen, Beistand und Liebe.

Wie geht es nun mit uns weiter? Jolanda wird am 13. September nach Australien fliegen, die Ostküste bereisen und am 7. Dezember 2011 wieder in die Schweiz zurückkehren. Sie will Abstand von der Trennung gewinnen. Marco wird im September für eine Woche nach Panama fliegen und die Verschiffung des Landy nach Europa organisieren. Was ich danach mache steht noch in den Sternen. Dies ist der letzte Reisebericht vom Team lapuravida. Wir können unsere Erlebnisse während unsere Reise durch Nord- und Zentralamerika kaum in Worte fassen, wir lernten unzählige Menschen kennen und erhielten Dank ihnen Einblicke, die als „normale Touristen“ nie möglich gewesen wären. Leider ist der grosse Traum nach der Halbzeit zu Ende, wir hätten sehr gerne noch das grosse Abenteuer Südamerika erlebt. Herzlichen Dank allen Lesern für das Interesse an unserem Reiseprojekt.

Liebe Grüsse

Jolanda & Marco

«There are no foreign lands. It is the traveler only who is foreign.»

Robert Louis Stevenson, The Silverado Squatters, 1883